
Wenn Frauen die Kamera halten, verändert sich der Blickwinkel. „Female Lens“ ist einer der Schwerpunkte der diesjährigen Doxumentale: Filme, Bücher und Podcasts, in denen Frauen nicht Objekt der Erzählung sind, sondern ihr Ursprung.
Soraya war 16, als sie anfing, ihr Leben selbst zu filmen. Als afghanische Künstlerin im Iran lebte sie in einem doppelten Exil. Sie wurde verfolgt von einem Regime, das sie nicht wollte, in einem Land, das sie nicht schützte. Die Kamera, meist das Handy, war ihr eigenes Werkzeug: Was über Jahre entstand, sind ihre Bilder, ihr Blickwinkel, ihre Hand. Der Dokumentarfilm A Fox Under a Pink Moon ist buchstäblich das, was sie gesehen hat. Nicht weit davon entfernt im Programm: der Live-Podcast Azizam: Die Revolution meiner Mama, in dem Aida Amini nachzeichnet, was der Tod von Jina Mahsa Amini 2022 in Gang gesetzt hat. Eine persönliche Perspektive auf die feministische Protestbewegung, die bis in die Diaspora wirkt und bis in die eigene Familie. Beide Werke sprechen vom selben Ort: von Frauen im Iran, die unsichtbar gemacht werden sollen, und die trotzdem sichtbar bleiben.
Was Widerstand bedeuten kann, zeigt das Festival in sehr verschiedenen Formen. In Dear Fátima: A Special Sneak-Preview kämpft Lorena Gutiérrez seit zehn Jahren um Gerechtigkeit für ihre zwölfjährige ermordete Tochter. Sie hat diesen Kampf gegen Femizide bis vor den Obersten Gerichtshof getragen.
Auch die über 80-jährige Rechtsanwältin Diana Jobson kämpft auch vor Gerichten. Miss Jobson ist das mitreißende Porträt einer außergewöhnlichen Frau: Rastafari-Ikone, einst Bob Marleys Anwältin – und bis heute Jamaikas Anwältin der Armen.
Day Trip: Escaping the Taliban, ein Film der bei der Doxumentale Weltpremiere feiert, zeigt, wie zwei Journalistinnen versuchen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden: Afghanische Frauen, die sie für ihre Vorbildrolle in Magazinen wie dem New Yorker interviewt hatten, stehen nach der Machtübernahmeder Taliban plötzlich in Lebensgefahr. Ihr Kampf sie außer Landes zu bringen, ist ein Kampf gegen die Zeit und Bürokratie.
„In unserer Programmarbeit kamen diese wunderschönen, eindrucksvollen und mitreißenden Geschichten, wie von selbst. Sie alle zeigen, wie das persönliche und das politische oft untrennbar ist.“ - Anna Ramskogler-Witt, Direktorin Doxumentale.
Die Doxumentale zeigt aber auch die leiseren Alltagsgeschichten, die uns andere Perspektiven und Lebenswelten näherbringen.
In dem für die Oscars nominierten Kurzfilm The Devil is Busy feiert bei der Doxumetale Internationale Premiere. Im Zentrum steh eine Frauenklinik in Atlanta, Georgia, die, seit das landesweite Recht auf Schwangerschaftsabbruch in den USA aufgehoben wurde, von Abtreibungsgegnern belagert wird.
Truck Mama begleitet Eva, eine kenianische Fernfahrerin, die zwischen Straße und Familie jongliert. Ein Roadmovie über Freiheit, Verantwortung und eine Frau, die sich auf ihrem eigenen Weg behauptet.
Maintenance Artist zeichnet das Leben der New Yorker Künstlerin Mierle Laderman Ukeles. Sie wollte mit ihrer Kunst die Arbeit der Mitarbeitenden der New Yorker Stadtbetriebe in das Blickfeld rücken. Die Arbeit dieser Menschen bleibt oft im Verborgenen, obwohl die Gesellschaft von ihnen abhängig ist. Ukeles erinnerte das an ihr eigenes Leben als Mutter und die Care-Arbeit, die sie – neben ihrer Tätigkeit als Künstlerin – leistete. Durch ihre Kooperation mit den New Yorker Stadtbetrieben und den Menschen, die sich um die Stadt kümmern, findet sie ihre eigene künstlerische Sprache, die sie weltberühmt machte.
In Whispers of May lernen wir eine Gruppe junger Freundinnen in China kennen, die zwischen kulturellen Erwartungen, Kindheit und Erwachsen werden, ihren eigenen Weg suchen.
Das Buchprogramm der Doxumentale bringt Feminismus und die Perspektive von Frauen auch ins Literarische. In Wo die Kaffeekirschen leuchten folgt eine Autorin den Spuren ihrer Eltern nach Kolumbien – Migration, Familiengeschichte, weibliche Selbstbehauptung. A History of the World in Six Plagues fragt, wessen Stimmen in Krisen gehört werden.
Zur Doxumentale werden zahlreiche Regisseurinnen sowie Protagonistinnen in Berlin sein. Gerne vermitteln wir Ihnen ein Interview.