
© Filmstill "The Tempest of Neptun"
The Tempest of Neptun ist ein filmisches Mosaik, das aus verschiedenen Perspektiven über das Leben auf der abgelegenen Insel Vis erzählt. Verschiedene Charaktere stehen vor dem ewigen Dilemma der Gesellschaft: Tradition oder Fortschritt. Von Fischern und Aktivisten bis hin zum Bürgermeister und einem ausländischen Investor – jeder bringt seine Ansichten ein, während die Spannungen zwischen denen, die den Tourismus ausbauen wollen, und denen, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen, zunehmen.
Neptun ist der römische Gott des Süßwassers und des Meeres, der die Winde und Stürme kontrolliert. Vielleicht erscheinen die Beschreibungen der alten Götter jemandem aus der modernen Zeit naiv, aber eines kann man ihnen nicht absprechen: Diese Götter hatten ein menschliches Gesicht und eine menschliche Seele, mit all ihren Tugenden und Fehlern. Mit einem Wort: Sie hatten menschliche DNA.
Über Jahre, Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte hinweg schwankte die menschliche DNA durch eine Anlage an der Küste der Adria, die den Namen des antiken Gottes trägt. Die Fischverarbeitungsfabrik Neptun auf der Insel Vis in Kroatien hat viel erlebt und überstanden – den Aufstieg der Industrialisierung, die Entstehung von Nationalstaaten, Weltkriege, den Aufstieg und Fall des sozialistischen Jugoslawiens, aber den Übergang zum modernen Kapitalismus hat sie nicht überlebt.
Heute ist die Fabrik, in der Generationen von Menschen von der Insel Vis ihr gesamtes Arbeitsleben verbracht haben und die jahrzehntelang ein Symbol für den wirtschaftlichen Aufschwung der Insel war, nur noch eine Ruine mit leeren Räumen und nackten Wänden, in der nur noch wenige Spuren menschlicher Anwesenheit und Existenz zu finden sind. Der einst mächtige Neptun gehört jetzt internationalen Investoren aus dem Westen, die in Absprache mit dem Bürgermeister und den lokalen Behörden endlose Hotels und neue touristische Einrichtungen auf der Insel bauen, obwohl dies Probleme für die lokale Bevölkerung verursacht, die versucht, zumindest einige ihrer alten Gewohnheiten und Lebensweisen beizubehalten – meistens erfolglos.
Es wäre nur eine weitere Geschichte über die unbarmherzige Gentrifizierung und die ständige Ausweitung des Massentourismus, mit denen heute viele Städte und Länder konfrontiert sind, aber The Tempest of Neptun offenbart oder erinnert uns an eine tiefere Dimension des Problems – die Überlegenheit derjenigen, die das Leben anderer Menschen so leicht verändern, Kulturen und Geschichte auslöschen und selbst die kleinsten Spuren der früheren Lebensweise und Existenz tilgen.
Das Gefühl der Überlegenheit der selbsternannten Träger des Fortschritts und die moralische Hoheit gegenüber denen, deren Leben sie verändern, ist ein viel größeres Problem und ein gefährliches Phänomen, das, wie die Geschichte wiederholt gezeigt hat, einige der schlimmsten Ideologien und Agenden hervorgebracht hat, die die Menschheit je gesehen hat.
Diese Überlegenheits- und Vormachtsgefühle haben heute in Europa unterschiedliche Facetten. Sie reichen von den sehr offensichtlichen, die Hass fördern, bis hin zu den viel subtileren, die zum Beispiel in der Ideologie des Fortschritts maskiert sind: die Umwandlung der ärmsten Länder Europas in Bergbaukolonien, um die Bedürfnisse der vermeintlich umweltbewussten europäischen Mächte zu erfüllen, die neue und stolz verkündete Einführung von orwellschen Kontrollen an den EU-Grenzen für europäische Bürger*innen außerhalb des Schengen-Raums, oder die Einstellung, dass all die natürliche Schönheit, die in der eigenen Gegend, Stadt, dem eigenen Dorf oder der Nachbarschaft zu finden ist, denen gehört, die die Träger des Fortschritts sind und die, im Gegensatz zu den ‚ein-fachen‘ Einheimischen, genau wissen, wie das Leben in diesen lokalen Gebieten aussehen sollte.
The Tempest of Neptun ist ein filmisches Mosaik, das aus verschiedenen Perspektiven eine Diskussion über das Leben auf der abgelegenen Insel eröffnet. Es werden die Stimmen derjenigen gehört, die wir selten hören. Stimmen, die uns an die über Jahrhunderte erworbene Weisheit und Lebensweise erinnern, die langsam oder viel zu schnell verschwindet. Für die Seele der Menschheit wäre es entscheidend, wenn ein Teil dieser Weisheit im realen Leben überlebt und nicht nur in Dokumenten oder Dokumentarfilmen – und im Sinne der alten Götter mit menschlicher DNA, wie es Neptun war.
As the opening text in the documentary The Tempest of Neptun says, Neptune was the Roman God of fresh water and the sea, who controlled the winds and storms. For someone in the modern age, such descriptions of the ancient Gods might seem naive, but one thing could never be taken away from them—they had a human face and a human soul, with all its virtues and faults. In other words, they had human DNA.
For years, decades, and even centuries, human DNA has circulated through a facility bearing the name of the ancient God on the coast of the Adriatic Sea. The Neptun fish processing factory on the Croatian island of Vis has seen and survived a lot—the rise of industrialization, the creation of nation-states, the outbreaks of world wars, the rise and fall of socialist Yugoslavia … But it didn’t survive the transition to modern capitalism.
Today, the factory—where generations of people from the island of Vis have spent their entire working lives, a place that, for decades, was a symbol of the island’s economic recovery—has fallen into ruin, a series of empty rooms and bare walls bearing only a few traces of human presence and existence.
The once powerful Neptun is now owned by foreign investors from the West who, in agreement with the mayor and local authorities, are building endless hotels and new tourist facilities on the island, despite their activities causing problems for the local population,who are trying, mostly unsuccessfully,to preserve at least some from their old customs and way of life.
And this might have been just another story about the relentless gentrification and constant spread of mass tourism being faced by many cities and countries today, but The Tempest of Neptun reveals, or perhaps simply reminds us of, another, deeper dimension to the problem—the dominance of those who have the power to change other people’s lives so easily, to erase cultures, histories, and even the smallest traces of former existences and ways of life.
The sense of superiority felt by the self-proclaimed torchbearers of progress and their supposed moral supremacy over those whose lives they alter is a much bigger problem and a much more dangerous phenomenon, which, as history has repeatedly shown, has birthed some of the worst ideologies and agendas that humanity has ever seen.
These feelings of superiority and supremacy have different faces in Europe today, from the very obvious ones promoting hatred to the much more subtle ones masked by the ideology of progress. Examples of the latter include endeavours to turn Europe’s poorest countries into mining colonies that serve the needs of Europe’s ‘environmentally conscious’ powers, and the new and proudly announced introduction of Orwellian controls at EU borders for European citizens outside the Schengen zone … as well as the attitude that all the natural beauty to be found in our cities, villages, and neighbourhoods belongs to those progressive torchbearers who, unlike ordinary locals, know exactly what life in regional areas should look like.
The Tempest of Neptun is a cinematic mosaic that presents various perspectives to open up a discussion about life on the remote island today. It is a discussion that allows the voices of those we rarely hear to be heard, voices that remind us of the wisdom acquired and ways of life practised over centuries that are slowly, or all too quickly, disappearing. For the soul of humanity, it is crucial for some of that wisdom to survive in real life and not just in documents and documentaries—carrying forward the spirit of the old Gods with human DNA, like Neptune.