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Crime dominiert das Dokumentarische nicht, weil das Publikum morbide wäre. Sondern weil ein ungelöster Fall der billigste serielle Motor ist, den je jemand gefunden hat: ein Cliffhanger, den niemand schreiben muss.
Rahul Patels Vortrag bei Seriesly Berlin gab tiefe Einblicke in Zahlen und Dokumentarfilme. Nicht nur in Serien, sondern in Dokumentarisches allgemein. Einiges davon war mir neu. Dass Natur nicht unter den ersten drei liegt, hätte ich nie vermutet. Doch Patel kam mit weiteren Überraschungen, er hatte den gesamten globalen Dokumentarmarkt auf seinen Folien: rund 4.000 beauftragte Titel pro Jahr, seit 2022 unverändert. Und doch, sagte er, seien die Zahlen das Uninteressanteste daran. Interessant sei die Begründung, die darunter liege.
Warum ist Crime so im Aufwind?
Patels Erklärung für das Kriminalgenre besteht aus zwei Teilen, und nur einer davon handelt vom Geschmack. Der erste ist struktureller Art. Ein Rätsel, das sich über mehrere Folgen entfaltet, hält sein Publikum von selbst, was das Format ungewöhnlich sicher für Investitionen macht. Man muss keinen Grund erfinden, die zweite Folge zu sehen. Der zweite Teil handelt vom Export. Amperes Publikumsforschung findet Crime in jedem einzelnen Markt populär, den sie erhebt — nicht in den meisten, in allen. Um das zu zeigen statt es zu behaupten, nahm Patel die zwischen 2023 und 2025 veröffentlichten Doku-Serien von Netflix und zählte, in wie vielen Ländern jede einzelne in die Top Ten kam. Unter den fünfzehn Titeln, die am weitesten reisten, wiederholen sich einige Subgenres — Biographie, Sport, Justizgeschichten —, aber Crime ist das, was immer wieder auftaucht. Mehr ist zu dem Befund nicht zu sagen. Crime lässt sich billig serialisieren, und es kommt durch den Zoll.
Und warum ist Sport nicht mehr so interessant?
Sportdokumentationen sind das deutlichste Beispiel für ein Genre, das aus Gründen verliert, die mit dem Genre nichts zu tun haben. Jahrelang waren sie der Weg, auf dem eine Plattform Sportfans erreichte, ohne Sportrechte zu halten — Begleitmaterial um ein Ereignis herum, das sie nicht zeigen konnte. Als die Streamer die Liverechte direkt übernahmen, entfiel diese Funktion. Die Dokumentation wurde nicht schlechter. Sie war nur nicht länger der strategische Weg zum Publikum. Auch Reise, Natur und Tierfilm sind rückläufig. Kultur und Geschichte sind die beiden Subgenres, die sich in die andere Richtung bewegen.
Und wollen alle dasselbe?
Nach Patels Zahlen wollen Sender und Streamer entgegengesetzte Dinge, und das ist wichtig, wenn man pitcht. Das war der Kern des Vortrags, und es ist der Teil, der verändern sollte, wie man pitcht. Ampere versieht seine Commissioning-Daten mit thematischen Beschreibungen, was erkennen lässt, nicht nur zu welchem Subgenre ein Titel gehört, sondern wovon er tatsächlich handelt. Legt man das über die europäischen Sender und die globalen Streamer, fallen zwei verschiedene Logiken heraus.
Sender konkurrieren über Nähe. Kultur- und Geschichtsserien wirken gerade beim heimischen Publikum, und genau das kann eine global denkende Plattform nicht nachbilden. Für öffentlich-rechtliche Häuser weist der Auftrag in dieselbe Richtung. Unterscheidungsmerkmal und Verpflichtung fallen hier zufällig zusammen.
Streamer konkurrieren über Wiedererkennung. Sport und Biographie erlauben es, eine Serie um international bekannte Menschen, Prominente und Marken zu bauen — eine Mannschaft, einen Namen, der in vierzig Märkten etwas bedeutet. Das ist der einzig verlässliche Weg zu Skaleneffekten, wenn man Publikum über Grenzen hinweg sucht.
Aber geht es wirklich nur um Zahlen?
Ganz am Ende fragte die Moderation den Analysten, wie sehr man sich an seinen Daten orientieren solle. Die Antwort fiel für jemanden, der vom Zählen lebt, unerwartet bescheiden aus. Die Zahlen beschrieben zuverlässig, was gesehen worden sei, sagte er. Darüber, was gesehen werden werde, sagten sie nichts. Mehrere der größten Dokumentarerfolge der vergangenen Jahre seien in keiner Prognose aufgetaucht — sie hätten eine Nachfrage bedient, die noch nicht messbar war, und was sie trug, waren Energie und Erzählung, nicht die Passung zu einer Kategorie. Das ist keine Erlaubnis, den Markt zu ignorieren. Es ist eine Arbeitsteilung. Die Daten sagen einem, an welche Tür man klopfen soll und wie man finanziert, was dahinter liegt. Was man sagt, wenn geöffnet wird, steht in keiner Tabelle.
Der vollständige und sehr empfehlenswerte Vortrag von Rahul Patel ist hier abrufbar: info.ampereanalysis.com/docu-seriesly-berlin
Rahul Patel, Principal Analyst bei Ampere Analysis, hielt bei Seriesly Berlin den Vortrag „Docuseries on the Rise: What Comes After True Crime?", in Partnerschaft mit der doxumentale, dem Medienboard Berlin-Brandenburg, Fotografiska Berlin und Deadline. Auf dem anschließenden Panel sprachen Christian Beetz (Clangold, beetz brothers film production) und Marina Klauser (Regie und Buch, „Der Engelmacher"). Die Äußerungen sind sinngemäß wiedergegeben, nicht wörtlich zitiert.
Seriesly Berlin versammelt jeden September die internationale Serienbranche in der Stadt: Premieren an mehreren Spielstätten, darunter die Fotografiska Ballroom und das CineStar, dazu eine zweitägige Konferenz für Produzentinnen und Produzenten, Redaktionen, Financiers und Kreative. Unterstützt wird das Festival vom Medienboard Berlin-Brandenburg, von Fotografiska Berlin und Deadline.