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Girl Climber: Aufstieg ins Ungewisse

Was treibt Menschen dazu, dorthin zu gehen, wo Angst unvermeidbar ist? Girl Climber begleitet Emily Harrington an die Grenzen des Möglichen – und zeigt, warum gerade im Risiko ein Moment radikaler Lebendigkeit liegt.

Jana Sepehr
16.04.2026

Die Finger tasten nach Halt. Die Beine zittern. Steht der Fuß richtig? Man guckt runter – doch das ist keine gute Idee. Der Schwindel setzt ein.

Jede*r, der Höhenangst hat und schon einmal an einer Kletterwand hing, kennt dieses Gefühl. Man ist gesichert. Man ist nicht in Lebensgefahr. Trotzdem ist da dieses Ziehen im Magen, dieses Flüstern: Du könntest jederzeit fallen.

Höhenangst ist kein logisches Gefühl. Sie fragt nicht nach Fakten – nicht nach Zentimetern, nicht nach Sicherungen. Sie ist ein Körperzustand. Die Hände werden feucht, die Muskeln spannen sich an, als würde man sich gegen etwas Unsichtbares stemmen.

In diesem Zustand hängt man nicht nur in der Kletterwand, sondern auch 83 Minuten in seinem Kinosessel und starrt auf die Leinwand, auf der die Profi-Kletterin Emily Harrington über körperliche und mentale Grenzen geht.

Emily Harrington wurde fünfmal US-Meisterin im Vorstiegsklettern. Sie war die erste Frau, die die Golden Gate Route am El Capitan, Yosemite, frei an einem Tag durchsteigen konnte, und die vierte Frau überhaupt, die eine Route am El Capitan in einem Tag bewältigte. Dabei begleitet man sie in Girl Climber.

Der Film zeigt nicht einfach nur das Klettern. Er zeigt das Hinaufgehen ins Ungewisse, das bewusste Überschreiten einer Grenze, die sich die wenigsten zu übertreten trauen – für Menschen wie Emily Harrington aber alles ist. Man sieht eine junge Frau, die sich an Felswänden bewegt, die keinen Fehler verzeihen: Höhe, Leere und die Entscheidung, weiterzugehen.

Unwillkürlich stellt sich die Frage: Warum tut man so etwas?

Warum suchen sich Menschen wie Emily Harrington Situationen aus, in denen der eigene Körper Alarm schlägt? Warum gehen sie dorthin, wo Angst nicht nur möglich, sondern unvermeidbar ist?
Vielleicht liegt die Antwort genau in diesem Gefühl.

Denn die Angst vor Höhe, das Adrenalin, das man bei ersten Kletterversuchen spürt, ist eine rohe, unverfälschte Reaktion. Sie konfrontiert einen mit der eigenen Verletzlichkeit. Sie lässt einen lebendig werden. Plötzlich ist man ganz Körper, ganz Gegenwart, ganz wach. Jeder Griff zählt. Jeder Schritt ist eine Entscheidung.

Girl Climber radikalisiert dieses Gefühl. Was in der Kletterhalle gezähmt und kontrolliert wird, wird draußen zur existenziellen Realität. Harrington gibt sich dem Risiko hin – nicht aus Leichtsinn, sondern aus einer Form von Hingabe.

Female Lens

Der Film Girl Climber ist Teil einer vielfältigen Auswahl an Werken, die in der Kategorie Female Lens präsentiert werden. Im Mittelpunkt steht ein feministischer Blickwinkel, der neue Sichtweisen zeigt und zum Nachdenken anregen soll. Erfahre hier mehr über diesen Film und entdecke im Programm unter dem Thema Female Lens weitere spannende Filme aus weiblicher Sicht.

filmstill Girl Climber

Und genau hier beginnt das Unverständnis – oder das Staunen. Während man im Kinosessel sitzt, angespannt, aber in Sicherheit, überträgt sich etwas. Ein Echo dieser Intensität.

Vielleicht ist es genau das, was Menschen zum Klettern zieht: die Verdichtung des Lebens auf einen Moment. Kein Hintergrundrauschen, keine Ablenkung. Nur man selbst, die Wand und die Frage, ob man Halt findet. Ob man weiterkommt als beim letzten Mal. Ob man den Gipfel erreicht.

Das Risiko ist dabei kein Selbstzweck. Es ist die Bedingung dafür, dass dieser Moment überhaupt entsteht. Ohne die Möglichkeit des Scheiterns bräuchte es keinen Mut. Und doch bleibt die Ambivalenz. Man fragt sich: Ist das Freiheit – oder Selbstgefährdung? Ist es bewundernswert, sich so weit hinauszuwagen, oder schlicht unverständlich? Ist es beeindruckend, diesen unbedingten Willen, Mut und die Leidenschaft zu haben, die Emily Harrington ermöglichen, Außergewöhnliches zu erreichen? Die Wahrheit liegt für jeden woanders. Sehenswert ist der Film in jedem Fall.

Female Lens

Der Film Girl Climber ist einer von zahlreichen Filmen, die unter dem Schwerpunkt Female Lens gezeigt werden. Dabei steht eine feministische Perspektive im Fokus. Erfahrt hier mehr über diesen Film und wählt in unserem Programm einfach das Thema Female Lens aus, um weitere Filme aus feministischer Sicht zu entdecken.

Jana Sepehr

Jana Sepehr ist freie Journalistin, u.a. für Die Zeit, Der Spiegel und das ZDF. Sie begleitet die Dokumentale als Chefredakteurin des Programmmagazins und unterstützt den D'Salon als Kuratorin.

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